Eine Predigt über digitalen Protest

„Computer Says No“ in der Kunsthalle Osnabrück

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!Mediengruppe Bitnik, „Computer Says No“, Kunsthalle Osnabrück 2025. Courtesy die Künstler:innen. Foto: Friso Gentsch

Alles ist in ein künstlich erzeugtes, tiefes Lila und Rot getaucht. Atmosphärisch eindringliche Sounds und eine computergenerierte Stimme aus dem Off durchdringen den großen Raum der ehemaligen Dominikanerkirche, die heute zur Kunsthalle Osnabrück gehört. Beim Betreten entsteht eine unheimliche Stimmung. In der neuen Ausstellung „Computer Says No” der !Mediengruppe Bitnik wurde der sakrale Raum in eine begehbare Installation gegen den Tech-Faschismus verwandelt. In dieser Installation warnt die KI-Aktivistin Qwen Stefani in einer digitalen Predigt vor den Risiken des Internets, manipulativen Algorithmen und der Macht weniger Tech-Milliardäre. Große Neon-Leuchtschriften und „Sabotage Cookies” wirken als visuelles Gegengewicht und geben dem Publikum Handlungsanweisungen für rebellische Aktionen im Kleinen, mit denen wir uns ein Stück Selbstermächtigung im digitalen Raum zurückholen können.

Die !Mediengruppe Bitnik, bestehend aus Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo, beschäftigt sich in ihrer Arbeit kritisch mit digitalen Medien, dem Einsatz von KI und ihrem Einfluss auf unsere Gesellschaft. In „Computer Says No“ gehen sie der Frage nach, welche Auswirkungen die missbräuchliche Nutzung von Computern und dem Internet für politische Zwecke auf unser Leben hat. Wer hat eigentlich Macht und Kontrolle im Internet? Wie werden wir als Nutzer*innen eigentlich hinters Licht geführt? Und wie können wir uns dagegen wehren?

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!Mediengruppe Bitnik, „Computer Says No“, Kunsthalle Osnabrück 2025. Courtesy die Künstler:innen. Foto: Lucie Marsmann

META, Google, X und Amazon – das sind nur einige der Plattformen, die unseren digitalen Alltag seit rund einigen Jahrzehnten prägen und nebenbei eine Handvoll Männer zu Milliardären gemacht haben. Kaum jemand weltweit, der sie nicht kennt oder nutzt. Elon Musk, Mitgründer von PayPal und Chef von X und SpaceX, zählt mittlerweile zu den einflussreichsten Menschen der Welt – und ist der reichste obendrein. Nach der Wiederwahl Donald Trumps wurde deutlich, wie weit dieser Einfluss reicht: Musk konnte als Berater mitreden und bekam damit direkten Zugang zur politischen Bühne.

Wie kaum ein anderes Unternehmen steht Apple für die Inszenierung von Technik als Lebensphilosophie. Die Stores des Konzerns wirken heute wie Kathedralen: Sie sind großzügig, hell und haben eine nahezu sakrale Aura. Für die makellos präsentierten, winzigen Geräte wird erstaunlich viel Raum geschaffen. Apple wird zur angebeteten Religion, der Store zum Glaubenshaus: ein modernes Pilgerziel für alle „Apple-Jünger“, in dem sich Technikbegeisterung und Glaubenseifer auf verblüffende Weise mischen. Nachdem wir gesehen haben, wie sehr Technik zum Gegenstand des Glaubens geworden ist, lohnt sich ein Blick auf die Werke in der Kunsthalle Osnabrück. Diese Werke hinterfragen genau diese Mechanismen.

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!Mediengruppe Bitnik, „Computer Says No“, Kunsthalle Osnabrück 2025. Courtesy die Künstler:innen. Foto: Lucie Marsmann

Alle Videoarbeiten zeigen die KI-Influencerin Qwen Stefani, ein Name, der den popkulturell Bewanderten sofort bekannt vorkommen dürfte. Genau: Gwen Stefani, einst Frontfrau der Band No Doubt und seit vielen Jahren erfolgreiche Solokünstlerin. Seit 2024 ziert sie als Werbegesicht die umstrittene App Hallow, eine Plattform zum Beten und Meditieren. Finanziert wird das Projekt unter anderem von J.D. Vance, dem US-Vizepräsidenten und rechte Hand von Donald Trump, sowie dem rechtskonservativen Unternehmer Peter Thiel. Kritik an der App ließ nicht lange auf sich warten. Ihr wird vorgeworfen, Nutzerinnendaten nicht ausreichend zu schützen und konservative Ideologien sowie traditionelle Rollenbilder zu verbreiten. Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie wertvoll persönliche Daten für politische und wirtschaftliche Interessen geworden sind – und wie leicht Menschen, die nach Sinn oder Orientierung suchen, in digitale Abhängigkeiten geraten können. Davor warnt KI-Qwen nun in ihren Kurzvideos, die im schnellen Wechsel mit anderen Videos von befreundeten Künstlerinnen und Theoretiker*innen der !Mediengruppe Bitnik abgespielt werden. Im Altarraum – dort, wo einst der Altar stand – erscheint außerdem die in Dauerschleife weinende Qwen Stefani als trauernde Madonna. Hinter ihr steigen die Kirchenfenster empor, während sie den Verlust demokratischer und freier Räume im Internet betrauert.

Gemeinsam mit einer KI hat die !Mediengruppe Bitnik das historische „Simple Sabotage Field Manual“ aus dem Jahre 1944 – ursprünglich vom amerikanischen Geheimdienst herausgegeben, um Bürger*innen im Kampf gegen faschistische Regime Tipps zur Alltags-Sabotage zu liefern – für die Gegenwart neu geschrieben. Im Kirchenschiff der Ausstellung „Computer Says No“ präsentiert das Duo neun augenzwinkernde Vorschläge, leuchtend in roter Neon-Schrift an den Wänden oder mitten im Weg platziert. Die Arbeiten halten uns einen ironischen Spiegel vor: Wie abhängig sind wir eigentlich von der Technik, die wir selbst geschaffen haben? „Mal das Telefon vergessen“, „Dateien falsch benennen“ oder „auf Zoom weinen“ – harmlose Gesten mit subversivem Potenzial, kleine Akte der Auflehnung gegen einen allgegenwärtigen Tech-Faschismus. Im Raum sind zudem silber einfolierte Glückskekse verteilt, die hier als „Simple Sabotage Cookies“ fungieren und das aktualisierte Manual um weitere 14 Handlungsanweisungen erweitern.

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!Mediengruppe Bitnik, „Computer Says No“, Kunsthalle Osnabrück 2025. Courtesy die Künstler:innen. Foto: Lucie Marsmann

Autoritäre Kräfte mit ein bisschen Doomscrolling bekämpfen? Klingt verlockend einfach – ist es aber natürlich nicht. „Computer Says No“ macht keinen Hehl daraus, dass Widerstand im Digitalzeitalter mehr erfordert als Likes und Klicks. Die Ausstellung versteht sich als spielerische Einladung, sich zu vernetzen – online wie offline – und sich kleine Räume der Selbstermächtigung zurückzuerobern. Sie ruft dazu auf, Technik und Systeme kritisch zu hinterfragen und eigene Formen des Protests zu entwickeln.

Am Ende bleibt die Frage, wie viel Macht wir den Strukturen überlassen, die uns längst als selbstverständlich erscheinen. Digitale Bequemlichkeit ersetzt kein politisches Denken. Zwischen Doomscrolling und Datensammelwut braucht es Bewusstsein, Haltung und den Mut, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht beginnt die kleine Revolution ja genau dort, wo wir das nächste Mal bewusst „Nein“ sagen – zum Algorithmus, zur App, zur eigenen Passivität.

Wann? Die Ausstellung „Computer Says No“ läuft bis zum 22. Februar 2026.

Wo? Kunsthalle Osnabrück, Hasemauer 1, 49074 Osnabrück

Weitere Informationen hier. Die Ausstellung gehört zum zweiten Teil des Jahresthemas „Geister“ der Kunsthalle Osnabrück.

Transparenz-Hinweis: Vielen Dank an die Kunsthalle Osnabrück für die Presse-Einladung und die Übernahme der Reisekosten.